
(EKG. Regen. Schritte auf kaltem Fliesenboden.) [Intro – gesprochen] Patientin: Welt. Alter: älter als Erinnerung. Zustand: desaströs. Ursache: noch festzustellen. Überlebenschance … (Pause) Beginnen wir. [Strophe I] Sie kam schwer verletzt in die Hände des Arztes, getragen von der Zeit, doch verlassen vom Atem. Er sah sie nur einmal und wusste sofort: Das hier ist kein Unfall – das ist jahrelanger Mord. Die Wälder, ihre Lunge, voller Rauch und Ruß, die Flüsse, ihre Adern, führen Gift durch den Puls. Ozeane im Fieber, ihre Haut aufgerissen, ganze Arten verschwunden – aus dem Gedächtnis gerissen. Frakturen an Grenzen, Entzündung im Land, Metastasen aus Hass ziehen quer durch den Verstand. Millionen kleine Wunden, doch niemand gibt sie zu, jeder zeigt auf den andern: „Herr Doktor, ich war’s nicht – du!“ Er zählt die Defekte, berechnet die Zeit: Was lässt sich noch heilen, was bleibt für immer entzweit? Wo setzt man den Schnitt, wenn der ganze Körper schreit? Wen rettet man zuerst, wenn jede Stelle gleichzeitig blutet? [Refrain] Doktor, sag – lebt sie noch? Ist da irgendwo ein Puls? Oder schlägt unter den Trümmern nur noch menschlicher Verlust? Doktor, sag – reicht die Zeit? Kannst du irgendetwas tun? Er sagt: „Heilung braucht Wahrheit.“ Doch die Wahrheit lässt man ruh’n. [Strophe II] Triage: erst die Kinder, dann das Wasser, dann das Brot, doch die Börse ruft dazwischen: „Was kostet uns der Tod?“ Ein Konzern will ein Gutachten, ein Präsident mehr Zeit, während unter weißen Laken schon die nächste Zukunft schweigt. Er näht Küsten zusammen, doch der Meeresspiegel steigt, legt Verbände um die Städte, während keiner Rücksicht zeigt. Er pumpt Hoffnung in die Venen, doch sie stößt sie wieder ab – denn ihr Immunsystem erkennt den Menschen selbst als Gefahr. Defibrillator – einmal! Die Kontinente beben. Defibrillator – zweimal! Ein kurzer Hauch von Leben. Beim dritten Mal nur Stille, kein Ausschlag, kein Signal, nur das Ticken einer Uhr im verlassenen Operationssaal. Er prüft noch ihre Augen – keine Reaktion. Hört Stimmen aus den Fluren: „Wir wussten nichts davon.“ Doch in ihren letzten Zellen steht, Schicht für Schicht, jede Warnung, jede Zahl, jedes verdrängte „Vielleicht“. [Refrain] Doktor, sag – lebt sie noch? Ist da irgendwo ein Puls? Oder schlägt unter den Trümmern nur noch menschlicher Verlust? Doktor, sag – wer war schuld? Wer hat ihren Tod bestellt? Er sagt: „Jeder wollte alles – doch niemand wollte diese Welt.“ [Finale] (Das EKG zieht einen einzigen, geraden Ton.) Er steht dort – weißer Kittel, dunkelrot befleckt, nicht von ihrem Blut allein, sondern von allem, was man weggesehen hat. Seine Hände voller Kriege, voller Hunger, voller Geld, voller ungelebter Lösungen für eine aufgegebene Welt. Er blickt direkt in die Kamera. Kein Gebet. Kein Urteil. Kein letzter Versuch. Dann öffnet er langsam die Arme und lässt den leblosen Körper fallen. (Aufprall. Stille.) Auf dem Totenschein nur drei Worte: Todesursache: Der Mensch.
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